Tanja Mosblech und Andrea Radermacher-Mennicken sind die Künstlerinnen Ostbelgiens 2020. Mit ihrem Gemeinschaftsprojekt „Hyperbild“ überzeugten sie die Jury einstimmig, dass das diesjährige Thema „Sprache“ auf originelle und ergebnisoffene Weise als Installation umgesetzt wird. Während drei Jahren kann sich das Künstler-Duo nun der Ausarbeitung des Projekts mit Unterstützung der Deutschsprachigen Gemeinschaft widmen.

Die Zeiten für Kunst und Kultur könnten kaum herausfordernder sein. Geprägt vom Stillstand wartet der Sektor sehnsüchtig auf einen Hoffnungsschimmer, wie Kunst und Kultur wieder zurück in unsere Gesellschaft finden kann. Inmitten dieser Situation verleiht die Deutschsprachige Gemeinschaft bereits zum dritten Mal den ostbelgischen Künstlerpreis und zwar „genau zum richtigen Zeitpunkt“, ist sich die Regierung sicher.

Die Suche nach dem Nachfolger des amtierenden Preisträgers Paul Pankert hatte bereits im März dieses Jahres begonnen. Dabei ging mit der Neuausschreibung des Preises gleichzeitig eine neue Ausrichtung einher: Das vorgegebene Thema Sprache sollte von den Bewerbern in einem konkreten Projektvorschlag aufgegriffen werden, welchen sie dann in ihrer Zeit als Künstler Ostbelgiens mithilfe des Preisgeldes realisieren können.

„Kunst braucht Freiräume, Inspiration, die Auseinandersetzung und ein gewisses Maß an Sicherheit, um sich entfalten zu können. Mit der Preisausschreibung schaffen wir diese Bedingungen, um die dynamischen Kräfte der Kulturszene zu unterstützen. Die Politik kann lediglich den Rahmen festlegen, in dem künstlerische Neuorientierung möglich wird.“, beschreibt die zuständige Ministerin Isabelle Weykmans den Eindruck, unter dem die Auszeichnung konzipiert wurde. „Wir wollen Kultur nicht subventionieren, wir wollen Kultur anregen!“

Das diesjährige Thema „Sprache“ verleiht dem Preis einen ostbelgischen Charakter. Für unsere Region gibt es wohl kaum etwas Bezeichnenderes als unsere Sprache. Als Ursprung der Autonomie der Deutschsprachigen Gemeinschaft stiftet sie Identität und erzeugt das besondere Gemeinschaftsgefühl durch unsere Stellung als sprachliche Minderheit in einem so vielfältigen Staat wie Belgien.

Wie der Schwerpunkt Sprache aufgegriffen und interpretiert wird, lag in der künstlerischen Freiheit der Bewerber. Tanja Mosblech und Andrea Radermacher-Mennicken nehmen unser durch digitale Medien verändertes Leseverhalten und die gezielte Suche nach Informationen in den Fokus. Sie gehen in ihrem Gewinnerprojekt von der Beobachtung aus, dass Texte im Internet häufig nicht mehr linear und vollständig gelesen, sondern von Hyperlinks weitergetragen werden. So wollen sich die beiden Künstlerinnen mit der Frage auseinandersetzen, wie man diese neue Art des Lesens ins bildnerische Medium übertragen kann.

Gibt es Hyperbilder? Funktioniert die Technik des Vernetzens auch in der bildenden Kunst? Durch ein sich gegenseitiges Zuspielen von Stichworten, Ideen und Material werden die Gewinnerinnen ergründen, ob und wie sich Bilder verknüpfen lassen. Diese Herangehensweise bewertet die dreiköpfige Fachjury als herausragendes Wagnis, denn keine der Künstlerinnen kann voraussehen, auf welchen Weg die andere gerät, wenn sie auf das Bild der anderen reagiert und weitere Verknüpfungen und Verzweigungen bildet. Ein Experiment der Auseinandersetzung.

Bisher existiert das Projekt als Skizze. Doch mit der Auszeichnung können die Künstlerinnen sich nun ihrer Idee hingeben, das Projekt in eine fertige Arbeit umwandeln und es anschließend mit dem Publikum auf eine neue Art der Ausstellung teilen. Denn auch was die Präsentationsform angeht, suchen die beiden Künstlerinnen nach neuen Wegen: Während die meisten Ausstellungskonzepte einem linearen Prinzip folgen, steht in diesem Fall eine netzförmige Installation am Ende.

Sie macht die entstandenen Hyperbild- Strukturen für die BetrachterInnen räumlich erlebbar und lädt zur eigenen „Lektüre“ der Bilder ein.

„Tanja Mosblech und Andrea Radermacher-Mennicken machen mit diesem Projekt das innovative Potenzial der ostbelgischen Kunstszene exemplarisch deutlich.“, heißt es in der Jurybewertung. „Mit der Auszeichnung erkennt die Deutschsprachige Gemeinschaft nicht nur die hohe konzeptuelle und handwerkliche Qualität der Arbeit beider Preisträgerinnen, sondern bekennt sich zudem zu relevanten Tendenzen der Kulturszene. Ein junges, weibliches Duo wird erstmals mit der Auszeichnung „Künstler Ostbelgiens“ geehrt“.

 

 

Hintergrund: Zusammensetzung der Fachjury

o          Herr Dr. Emmanuel Mir: Leiter des Landesbüros für Bildende Kunst NRW

o          Frau Dr. Vera Viehöver: Professorin für deutsche Sprache, Literatur und Literatur, Universität Lüttich

o          Frau Anna Habeck: Schauspielerin, Theaterpädagogin und Gründerin der „Spiel-Schau“