Bis Ende Dezember 2020 wurden die ostbelgischen Gemeinden dazu aufgerufen, einen Vorschlag für ein Co-Working Konzept in gemeindeeigener Infrastruktur einzureichen. Das aussichtsreichste sogenannte Dorf-Büro sollte den Zuschlag für eine Anschubfinanzierung von maximal 15.000 Euro bekommen. Nachdem die Gemeinden Lontzen und Amel Projektskizzen eingereicht haben, hat eine Jury die Empfehlung ausgesprochen, beiden Projekten die Realisierung zu ermöglichen. Diese auf den ländlichen Raum zugeschnittenen gemeinschaftlichen Arbeitsplätze mit Internetanbindung sollen Ende diesen bzw. Anfang nächsten Jahres eröffnet werden.

In Herbesthal und Amel sollen zwei aussichtsreiche obwohl konzeptionell unterschiedliche Dorf-Büros eingerichtet werden. Die Idee einer für den ländlichen Raum konzipierten Büroinfrastruktur zur gemeinschaftlichen Nutzung – das sogenannte „Dorf-Büro“ – hat ihren Ursprung in einem deutschen Modellvorhaben, das zum ersten Mal 2015 von der Entwicklungsagentur Rheinland/Pfalz in Prüm realisiert wurde. Das Projekt sollte ländlichen Gemeinden Lösungen dafür aufzeigen, wie Leerstand durch die Einrichtung von flexibel und kreativ genutzten Büroräumen begegnet werden kann. Das Corona-Jahr hat den Dorf-Büros neuen Auftrieb gegeben und auch andere Nutzungsmöglichkeiten eröffnet. Homeoffice wird von immer mehr Menschen in Anspruch genommen und wird als Alternativentwurf zum klassischen Büroaufenthalt auch von den Unternehmen vermehrt in Betracht gezogen. Diese neuen Tendenzen in der Arbeitswelt beinhalten für ländliche Regionen großes Entwicklungspotenzial. Das Dorf wird nicht mehr nur als Wohn- und Freizeitort betrachtet, sondern wird auch immer mehr zum Arbeits- und Studienort. Nicht alle wollen oder können aber die eigenen vier Wände als Büro nutzen. Manchmal fehlt es an schnellem Internet, an Equipment, an kollegialem Austausch oder einfach an Ruhe. Auf der anderen Seite sind ländliche Gemeinden oft auf der Suche nach effizienteren Betriebsmodellen für ihre Liegenschaften, die durch den Wandel in Bevölkerungsstrukturen, Gewohnheiten und Vereinsaktivitäten einen Nutzungswandel erfahren.

Tatsächlich sind Büroräume in guter Dorflage mit schnellem Internetanschluss, flexibel buchbaren Arbeitsplätzen und der Möglichkeit, in Kooperation mit anderen Trägern mitgenutzt zu werden, ein sehr gutes Gegenmodell zu leeren oder nur temporär gebrauchten Räumlichkeiten.

Um die maximale Auslastung der bestehenden Gemeindeinfrastrukturen ging es demzufolge auch hauptsächlich in den eingereichten Projekten von Amel und Lontzen. Amel hat ein ganzheitliches und intergenerationelles Konzept für ein Dorf-Büro eingereicht und verschiedene Komponenten der Dorfentwicklung eingebaut. Im Gebäudekomplex „Am Bambusch“ wird eine Kinderkrippe und ein Seniorendorfhaus neu eigenrichtet. In den Räumen der bestehenden Bibliothek werden die Arbeitsplätze des Dorf-Büros gestaltet. Mögliche Nutzer*innen des Dorf-Büros sind quasi schon vor Ort: Eltern der nebenan betreuten Kinder als auch Bibliotheksbenutzer, Seniorinnen und Senioren oder auch Studentinnen und Studenten aus der Gegend, die einen ruhigen Platz zum Recherchieren und Lernen suchen.

Die Gemeinde Lontzen möchte ein Dorf-Büro in Herbesthal eröffnen. Auch hier sind verschiedene Träger unter einem Dach integriert. Das Dorf-Büro soll in einem Raum des ehemaligen Postpaketdienstes am alten Bahnhof eingerichtet werden, und zwar zwischen dem Jugendtreff von Herbesthal und den Clubräumen des ansässigen Petanque Clubs, die auch im gleichen Gebäudekomplex liegen. Der halbstädtische Standort Herbesthal, die Nähe zum East-Belgium Park und die sehr gute Verkehrsanbindung an viele wirtschaftliche Ballungsgebiete der Grenzregion können dieses Dorf-Büro für viele Nutzer*innen attraktiv machen.

Obwohl der Aufruf zur Einreichung eines Konzeptentwurfes nur einer Gemeinde in Ostbelgien den Zuschlag für den Zuschuss ermöglichte, hat sich die Jury in ihrer Empfehlung für die Anschubfinanzierung beider Entwürfe ausgesprochen.

Die Gemeinden sind geographisch so verortet, dass sie sich mit ihren Dorf-Büros keine Konkurrenz machen. Außerdem sind Herbesthal und Amel in Lage, Bevölkerungsstruktur und Urbanisierungsgrad sehr unterschiedlich. Es entstehen somit mit diesen zwei Dorf-Büros unterschiedliche Erfahrungswerte, die als Modelle für weitere Gemeinden zur Verfügung stehen können. Schließlich wird ganz ausdrücklich das Ziel beider Gemeinden unterstützt, die Auslastung von im Gemeindebesitz befindlichen Räumlichkeiten zu erhöhen und somit die Bürger*innen, die Vereine und die Träger für neue Nutzungsmöglichkeiten und Kooperationen zu sensibilisieren.

„Die Dorf-Büros im Norden und im Süden unserer Region können sich zu Musterbeispielen innovativer und zukunftsgerichteter Dorfplanung entwickeln. Alle Generationen zu integrieren, alle Nutzungsmöglichkeiten zu erkennen und Synergien zu begünstigen, empfinde ich als den richtigen Weg in Richtung Neugestaltung der dörflichen Gemeinschaft. Daher unterstütze ich natürlich beide Projekte und freue mich, dass unsere Gemeinden das Potenzial erkannt haben“, meint auch die für ländliche Entwicklung und Digitalisierung zuständige Ministerin Isabelle Weykmans.