Auf Anfrage der Stadt St. Vith hat die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft in ihrer heutigen Sitzung die vorläufige Unterschutzstellung der archäologischen Stätte in der Gemeinde beschlossen. Einigkeit herrscht darüber, dass diese Zeugnisse des lokalen Kulturerbes eine herausragende Bedeutung haben und für die Nachwelt erhalten werden müssen. Nun bedarf es eines Konzeptes, um den Schutz des Objektes und die Zugänglichkeit für die Bevölkerung zu garantieren. Denn Kulturerbe ist dafür da, erlebbar zu sein.

Bislang galt der Büchelturm als einziges Zeugnis der ursprünglichen Bebauung der Stadt St. Vith, die während der Ardennenoffensive im Dezember 1944 fast vollständig zerstört wurde. Mit den Ausgrabungen, bedingt durch ein Bauvorhaben an der Parzelle mit der Flurbezeichnung „An der Burg“, änderte sich die Faktenlage schlagartig.

Eine Reihe von Indizien deuteten bereits im Vorfeld darauf hin, dass archäologische Funde zu erwarten waren. Auf alten Katasterplänen von 1830 und 1895 sowie in Fachliteratur zum Kulturerbe konnte der Archäologische Dienst des Ministeriums die Existenz eines runden Objektes feststellen und die besagte Flurbezeichnung als Hinweis gedeutet werden. Frühere Anwohner schilderten zudem, dass vor Jahrzehnten auf der Parzelle Ruinen vorhanden gewesen seien. Die Vermutungen sollten sich bestätigen: Im Juni legten die Archäologen des beauftragten Unternehmens Goldschmidt einen Turm im Süden der Parzelle und einen dazugehörigen Mauerabschnitt frei.

„Die Ergebnisse der ersten Sondierungsausgrabung waren vielversprechend und ließen auf weitere Zeugnisse schließen, die die Wichtigkeit und die Bedeutung der Stadt St. Vith im Mittelalter unterstreichen.

Wenn man bedenkt, dass bis dato fast ausschließlich schriftliche Quellen als Nachweis der Geschichte bestanden, kann man die Bedeutung der aktuellen archäologischen Funde ermessen.“, so Ministerin Weykmans, die nach den aussichtsreichen Funden eine umfangreichere Erforschung der Parzelle veranlasste.

Was dann ans Tageslicht gebracht wurde, ist selbst für einen Laien unverkennbar. Im nördlichen Teil der Parzelle wurde ein Teil der früheren Stadtmauer, des Wassergrabens sowie ein zweiter Turm freigelegt und im westlichen Teil der Parzelle Reste des Hauses von Monschau entdeckt. Ebenfalls wurden datierbare Funde gemacht: Keramik, Knochen, Holz. Noch während den andauernden Ausgrabungen reichte das öffentliche Interesse bereits bis über die Grenzen Ostbelgiens.

Der Kurzbericht des mit den Grabungen beauftragten Dürener Unternehmens liegt nun vor, auf dessen Grundlage die Königliche Denkmal- und Landschaftsschutzkommission ein positives Gutachten zur vorläufigen Unterschutzstellung formulierte. Diesem Gutachten ist die Regierung am heutigen Tag nachgekommen.

Dabei wird insbesondere der regionalgeschichtliche sowie identitätsstiftende Wert hervorgehoben, wovon das rege öffentliche Interesse und die Gründung einer Bürgerinitiative zeugen. Die historische Bedeutung und die der Entdeckung einhergehende Aufmerksamkeit in Fachkreisen und bei der Bevölkerung zeigen das Potential dieser archäologischen Stätte. Zum Erscheinungsbild und Charakter der Stadt trägt das entdeckte Kulturerbe ebenso erheblich bei – ein Kulturdenkmal von besonderem Rang für die gesamte Region.

Die Relevanz der aus dem 13./14. Jahrhundert stammenden Burg wird dadurch verstärkt, dass sie die Bedeutung der Herrschaft Sankt Vith als Marktort, Garnisonstelle, Hochgericht und als administratives Zentrum im Mittelalter bestätigen konnte.

Die Sichtbarkeit eines Teils der ehemaligen Stadtbefestigung ist erstmals seit Jahrhunderten eindrucksvoll gegeben. Die Größe, Monumentalität und der gute Erhaltungszustand spielen für die Erlebbarkeit der Ortsgeschichte eine entscheidende Rolle, die in Zukunft ebenso einen Mehrwert für den Tourismus in Sankt Vith darstellt sowie pädagogischen Zwecken dient.

Die zuständige Ministerin unterstrich unterdessen, dass der historische Fund nur ein Teil des Ganzen ist: „Es freut mich natürlich, dass es so viel Begeisterung zur Wahrung des kulturellen Erbes gibt. Doch nun gilt es, eine Perspektive zu beschließen, wie die künftige Nutzung des Areals und die Erhaltung gestaltet werden. Es braucht ein Konzept, damit das freigelegte Zeugnis für die gesamte Bevölkerung erlebbar wird, damit Kinder die Geschichte dahinter kennenlernen und den Zusammenhang mit der Entstehung ihrer Stadt verstehen können.“, so Isabelle Weykmans.

Für das Bauprojekt eines Mehrfamilienhauses scheinen die Aussichten nicht rosig. Die Unterschutzstellung schließt eine Bebauung aus, was damit begründet ist, dass Erdbewegungen oder Ausschachtungen während der Durchführung von Baumaßnahmen relevante kulturhistorische Schichten, Funde und Befunde unwiederbringlich zerstören. Zudem sei ein Bauvorhaben mit einer öffentlichen Nutzung und dauerhaften Zugänglichkeit des Geländes nicht vereinbar. Handlungen innerhalb der geschützten Parzelle müssen zulässig sein, die für die Erhaltung, Pflege und Erforschung der archäologischen Stätte notwendig sind.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind weitere Entdeckungen an der Parzelle zu erwarten, die für die Interpretation des gesamten archäologischen Kontexts der Stadtgeschichte wichtig sind.