Gastkommentar

Die jungen Menschen auf der ganzen Welt protestieren. Und das ist auch gut so. Es bedeutet, dass die jungen Leute involviert sind, dass sie sich engagieren wollen und dass sie ihre Zukunft selbst gestalten möchten. Es wird klar, dass liberale Urprinzipien wie Freiheit, Individualität, Verantwortung und Zukunftsgewandtheit genau die Schwerpunkte einer Jugendbewegung ausmachen, die ich und meine Partei in der politischen Arbeit verstärkt widerspiegeln wollen.

Was können wir für die jungen Menschen tun, um unserer Verantwortung als Eltern, Großeltern, Lehrer, Politiker gerecht zu werden?
Zunächst einmal müssen wir unsere Kinder zu starken, reflektierten Menschen großziehen. Wir müssen genau erklären, auf welchen Werten und Normen unsere westliche Demokratie aufgebaut ist und dass die Wahrung kultureller und gesellschaftlicher Errungenschaften vor allem auch sie betrifft!
Wichtig ist auch, jungen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen und ihnen zuzuhören. Was haben sie uns zu sagen? Was denken sie? Was wollen sie?

In diesem Zusammenhang starten wir die liberale Initiativreihe mit dem Namen „Und was denkst du?“! Hierbei geht es nicht nur um die Möglichkeit, den jungen Menschen ein Forum zu geben, ihre Gedanken, Ängste und Vorschläge auszudrücken. Es geht um viel mehr. Was haben junge Menschen zu sagen, aber auch, was sagen Menschen, die von Veränderungen betroffen sind? Was sagen Experten und Wissenschaftler? Was sagen Menschen aus anderen Ländern, mit anderen Erfahrungen und Prägungen? Letztendlich geht es darum, eine neue Art Politik auszuüben, indem man politische Grundsätze und politische Meinungen der öffentlichen Diskussion aussetzt, um sie dann umzuformen, umzugestalten und daraus etwas Neues und Aktuelles zu machen! Es geht um basisdemokratische Prozesse, um einen dynamischen Dialog mit den aufgeklärten, offenen und vor allem involvierten Menschen unserer Gesellschaft, die einsehen, dass es nicht mehr so weiter geht und die nach neuen Wegen der gesellschaftlichen Gestaltung suchen! Unsere Aufgabe – meine Aufgabe hierbei als liberale Politikerin und liberale Entscheidungsträgerin ist, diesem gesellschaftlichen Diskurs einen Rahmen zu geben und neugewonnene Erkenntnisse in politische Entscheidungen münden zu lassen. Wir formen Grundsätze – wir ändern die Richtung!

 

Erstes Thema: Gemeinsamer Werte- und Bürgerkundeunterricht statt getrennter Religionsunterricht?

Ostbelgien war immer ein Schmelztiegel verschiedener europäischer Strömungen und das macht unter anderem auch unseren Reiz und unsere Stärke aus. Viele Ostbelgier ziehen weg und viele kommen wieder zurück, Menschen aus anderen Teilen Europas und der Welt machen Ostbelgien zu ihrer Heimat, unsere Gesellschaft besteht aus Menschen mit verschiedensten Erlebnissen und Lebensmodellen. Wir hier in Belgien wissen aus Erfahrung, dass pluralistische Gesellschaften in aller Verschiedenheit vor allem durch die Stärkung der Gemeinsamkeiten zusammenwachsen. Um Gemeinsamkeiten zu finden, muss man miteinander reden. Wieso fangen wir also nicht schon in der Schule damit an? Wieso trennen wir Kinder gleich in der ersten Klasse nach Religionen?
Wir sollten zumindest darüber diskutieren, ob es nicht besser für Kinder und Jugendliche ist, wenn sie durch gemeinsames integratives Lernen, Normen und Werte unserer Gesellschaft herausarbeiten, interpretieren und sie mit der eigenen kulturellen Identität vergleichen. Und ist es nicht auch wichtig, dass unsere Kinder und Jugendliche auf ihr Leben als verantwortungsbewusste und aufgeklärte Bürger vorbereitet werden? Aus diesem Grund schlagen wir vor, den konfessionsgebundenen Religionsunterricht durch einen gemeinsamen, überkonfessionellen Werte- und Bürgerkundeunterricht zu ersetzen.

Warum überkonfessioneller Werte- und Bürgerkundeunterricht?

Argument 1: Vereinen statt trennen!
Kinder von Anfang an in verschiedene Gruppen zu trennen, gibt ihnen das Gefühl, dass sie anders sind und betont eine subjektive Verschiedenheit. Lassen wir doch alle Kinder zusammen im geschützten und pädagogisch moderierten Raum der Schule das Leben anderer kennen lernen und das eigene Lebensmodell bestimmen. Toleranz und Akzeptanz lernt man im Miteinander nicht im Nebeneinander.

Argument 2: Der Staat muss neutral bleiben!
Das Neutralitätsgebot des Staates wird durch Unterteilung der Kinder nach nicht objektiven, religiösen Kriterien verwässert. Kinder und Jugendliche dürfen nicht direkt in der Schule einer religiösen Gruppenzugehörigkeit zugeordnet werden. Was jemand glaubt, geht die Schule und den Staat nichts an!

Argument 3: Kritisches Denken fördern!
Geben wir unseren Kindern keine fertigen Antworten, sondern animieren wir sie, alles kritisch zu hinterfragen und sich die Antworten selber zu erarbeiten. Im gemeinsamen integrativen Lernen werden verschiedene Lebensinterpretationen im Rahmen von Freiheit, Gleichberechtigung und Objektivität diskutiert.

Argument 4: Kinder und Jugendliche müssen sich im Alltag zurechtfinden und auf das Erwachsenenleben vorbereitet sein!
Klären wir unsere Kinder über Rechte und Pflichten eines Bürgers auf, geben wir ihnen die praktischen Informationen, damit sie ihren Alltag nach der Schule bewältigen und Verantwortung für ihr Leben übernehmen können.

Gemeinsamer Werteunterricht FÖRDERT:

Kritisches Denken. Die Kinder und Jugendlichen setzen sich mit allen Lebensmodellen, Religionen und Wertevorgaben auseinander, sie entdecken Vorteile und Nachteile, sie lernen reflektiert mit Herausforderungen des Zusammenlebens umzugehen.

Toleranz. Alle Kinder und Jugendlichen machen gemeinsam eine pädagogische Reise durch Werte, Religionen und philosophische Inhalte. Sie vergleichen im Klassenverbund die eigene Erlebniswelt mit der ihrer Mitschüler und lernen es, kulturelle Eigenheiten zu verstehen und mit ihnen umzugehen.

Akzeptanz. Die Kinder und Jugendlichen lernen andere Meinungen und Lebensmodelle zu akzeptieren, auch wenn sie nicht der eigenen Überzeugung entsprechen.

Friedliches Zusammenleben. Kinder und Jugendliche finden Gemeinsamkeiten und lernen die Verschiedenheit so weit zu akzeptieren, dass friedliches Miteinander gelebt wird.

Verständnis. Indem die Kultur und die Hintergründe im gemeinsamen Unterricht durchleuchtet werden, entwickeln die Kinder und die Jugendlichen Verständnis für Menschen, die anders leben und anders denken.

Selbständigkeit. Kinder und Jugendliche lernen den Herausforderungen des Alltagslebens zu begegnen. Sie wissen über ihre Rechte und Pflichten Bescheid und sind auf das Leben nach der Schule vorbereitet.

Gemeinsamer Werteunterricht wappnet GEGEN:

Populismus: Leere Parolen und lautes Gehabe werden leichter durchschaut, weil kritisches und reflektiertes Nachdenken geübt werden.

Fanatismus: Extremistische Tendenzen in allen Religionen und allen politischen und philosophischen Ausrichtungen werden thematisiert und diskutiert.

Ausgrenzung: Es gibt keine getrennten Gruppen, die im besten Fall aus der Distanz über andere Gruppen urteilen. Alle sprechen miteinander über alles.

Vorurteile und Klischees: Es wird miteinander gesprochen, Vorurteile und Klischees werden hinterfragt und diskutiert.

Missverständnisse: Die Hintergründe einer bestimmten kulturellen Handlungsweise werden durchleuchtet und erklärt. Dadurch können Missverständnisse in der Betrachtung des Anderen aufgelöst werden.

Interessante Links:

https://www.dw.com/de/religionsunterricht-in-europa/a-1551342

https://www.welt.de/politik/ausland/article158270310/Luxemburg-schafft-den-Religionsunterricht-ab.html

http://www.men.public.lu/fr/actualites/grands-dossiers/systeme-educatif/vie-societe/rahmenlehrplan.pdf