Dass Geschichte von Männern geschrieben wird, diesen Eindruck erwecken zumindest Geschichtsbücher. Das Problem ist nicht, dass Frauen nichts Großartiges geleistet haben, sondern dass sie in der klassischen Geschichtsschreibung vergessen oder übersehen werden. Das ändert sich in den letzten Jahren langsam. Es warten jedoch noch hunderte Frauen darauf, überhaupt entdeckt oder wiederentdeckt zu werden und Vorbilder für eine neue Generation von Mädchen und Frauen zu sein. Deshalb appelliert Ministerin Isabelle Weykmans zum Internationalen Frauentag an alle interessierten HistorikerInnen, die Geschichte von Frauen aus Ostbelgien stärker in die wissenschaftliche Forschung einzubeziehen.

Annie Nyssen, Margret Doepgen-Beretz, Helene Franken…nur sehr wenige in Ostbelgien kennen diese außergewöhnlichen Frauen und was sie geleistet haben. Über wen nicht in Archiven und Zeitzeugnissen geforscht wird, der wird kaum erwähnt, nicht zitiert oder über ihn wird kaum berichtet. Auch deshalb weiß man nur sehr wenig über sie, weil Frauen selten im Mittelpunkt der historischen Forschung stehen. Keine Straße und keine Schule wird nach der Person benannt, keine Gedenkveranstaltung wird organisiert. Die Person verschwindet in die Tiefen historischen Vergessens.

Auch digital kommen Frauen kaum zum Zuge. Letztes Jahr machte eine Fraueninitiative auf diesen Missstand im größten Online – Nachschlagewerk „Wikipedia“ aufmerksam. Das generische Maskulinum in allen Wikipedia-Beiträgen („Richter“, „Politiker“, „“Wissenschaftler“) führe dazu, dass das Auffinden von Frauen z.B. auf Google erschwert werde. Außerdem sind die Ehrenamtlichen, die für die Beiträge in Wikipedia sorgen, zu 90% männlich und nur eine von zehn Biographien ist über Frauen. Wikipedia reagierte darauf mit dem „WikiProjekt Frauen“, das verstärkt Autorinnen in die Artikelarbeit einbinden und vermehrt auch Frauenpersönlichkeiten in Zitaten, Quellenverzeichnissen und Beiträgen einfließen lassen möchte.

Für Entwicklungen in der Welt sind Frauen immer auch treibende Kraft gewesen. Doch oftmals konnten sie nie aus dem Schatten ihrer berühmten Ehemänner oder Brüder treten wie zum Beispiel Nannerl, die nicht minder musikalisch begabte Schwester von Mozart. Oder ihre Kreativität und ihr Talent wurden vom Partner oder männlichen Kollegen zwar erkannt, aber Forschungen oder Werke flossen ungefragt in das eigene Wirken über. Rosalind Franklin zum Beispiel lieferte die Forschung zur Entdeckung der DNA, aber ihre männlichen Kollegen nutzten ohne ihr Wissen und ihre Zustimmung diese

Erkenntnisse und erhielten dafür den Nobelpreis. Nur sehr wenige Frauen in der Geschichte wie Marie Curie oder Amelia Earhart schafften es mit ihrem Talent und ihrem Wirken in den Vordergrund zu treten und somit Vorbild für Millionen anderer Frauen und auch Männer zu werden.

Dass sich also in der Forschung was bewegt und dem Wirken der Frauen eine angemessenere Stellung in der Geschichtsschreibung zukommen kann, dafür plädiert Ministerin Isabelle Weykmans mit ihrem Appell an die Historiker: „Die Geschichtsforschung sollte Frauen sichtbarer machen, damit ihr Schaffen und ihr Beitrag zur Entwicklung unserer Gesellschaft besser gewürdigt werden. Wir haben in Ostbelgien viele Frauenpersönlichkeiten, die Gegenstand historischer Retrospektiven werden können. Mit Einbeziehung der weiblichen Komponente entsteht auch in Ostbelgien ein interessantes und umfangreiches historisches Erkundungsfeld im Bereich der Sozial-, Kultur- und Politikgeschichte.“