Bereits zum zweiten Mal zeichnet die Deutschsprachige Gemeinschaft einen ostbelgischen Künstler mit dem Titel „Künstler Ostbelgiens“ aus. Im Rahmen der Feierlichkeiten zum Tag der Deutschsprachigen Gemeinschaft gibt Ministerin Isabelle Weykmans den Künstler Ostbelgiens 2017  bei einer Preisverleihung am 18. November bekannt.

Seit fast genau 3 Jahren ist der Maler und Objektkünstler Romain van Wissen der „Künstler der Deutschsprachigen Gemeinschaft“. Bei seiner ersten musealen Einzelausstellung „WHO IS IN THE HOUSE“, die zurzeit im IKOB- Museum für Zeitgenössische Kunst zu sehen ist, handelt es sich um weit mehr als eine reine Präsentation der mehr als 50 Werke des Künstlers: Sie bildet den Höhepunkt der 3-jährigen Auszeichnung und bietet den Rahmen der Festlichkeiten zur Verleihung des Titels „Künstler Ostbelgiens“.

Im März dieses Jahres erfolgte der erneute Bewerbungsaufruf. Künstler aus allen Kunstsparten mit Wohnsitz in der Deutschsprachigen Gemeinschaft oder Künstler, deren Werke aufgrund des behandelten Themas einen inhaltlichen Bezug zur Deutschsprachigen Gemeinschaft haben, konnten sich bewerben. Eine internationale Fachjury, bestehend aus Fachleuten aus dem In- und Ausland, hat aus insgesamt 21 Bewerbern fünf Künstler nominiert: Justina Jablonska, Daniel Offermann, Marc Kirschvink gemeinsam mit Christian Klinkenberg, Paul Pankert und Sabine Rixen. Aus diesen fünf ostbelgischen Künstlern kürt die Jury den Künstler Ostbelgiens 2017.

Die Auszeichnung, die Teil einer Reihe von Initiativen zur Förderung der Kulturproduktionen aus Ostbelgien ist, ist ein Zeichen der Wertschätzung für alle ostbelgischen Künstler. „Diese Auszeichnung soll die bunte und reichhaltige Kulturszene unserer Region widerspiegeln. Sie schafft eine Möglichkeit, die Werke und das Können der Künstler zu verbreiten. Außerdem werte ich diese Auszeichnung als Fingerzeig dafür, dass wir unsere Künstler- und Kreativszene auch als Botschafter für ganz Ostbelgien sehen.“, erläutert Kulturministerin Isabelle Weykmans.

Mit dem Kulturförderdekret, das am 1. Januar 2014 in Kraft getreten ist, hat die Deutschsprachige Gemeinschaft die Grundlage für die Förderung von Künstlern über die Vergabe von Stipendien geschaffen. Auch die mit 5000 EUR dotierte Auszeichnung „Künstler Ostbelgiens“, die in einem drei Jahreszyklus vergeben wird, wurde durch das Dekret ins Leben gerufen.

Inmitten der Ausstellung von Romain Van Wissen wird der glückliche Gewinner bei der Preisverleihung am 18. November durch die Ministerin bekanntgegeben.

Die Nominierten:
Sabine Rixen

Die freischaffende Künstlerin Sabine Rixen hat einen breit gefächerten Wirkungskreis geschaffen, der von der freien Malerei, der Plakatkunst über Buchillustration bis hin zu Live-Zeichnungen für Tanz und Theater reicht. Nach dem Kunstabitur und einem Studienjahr in Moskau studierte sie freie Malerei am „Institut Supérieur des Arts Plastiques Saint-Luc“ in Lüttich. In Sabine Rixens Arbeiten bilden Bewegung und die Bewegtheit das zentrale Thema. Die Künstlerin interessieren vor allem Bewegungen, Körpersprache, Haltungen und Blicke als Ausdruck innerer Bewegtheit. Die besondere Dynamik, den Charakter einer Bewegung einzufangen und im Bild festzuhalten, ist das Ziel ihrer Arbeit.

Gaby Zeimers beschrieb Rixens Arbeit folgendermaßen: „Menschen beim Tanz, Schauspieler im Theater oder einfach die Körperhaltung von Personen in bestimmtem Situationen – die Auslöser können unterschiedlich sein. Aber immer geht es ihr darum, das zu erfassen und festzuhalten, was man eigentlich nicht festhalten kann: die Dynamik und Energie einer Bewegung.“

Inhaltlich und thematisch nährt sich ihre Arbeit aus dem, was die Künstlerin sieht, erlebt und im Alltag beobachtet, aus dem, was sich bewegt und aus dem, was sie bewegt: die Natur, das öffentliche Leben, Menschen, Situationen und Ereignisse. Das Bild kann dabei eher eine Frage aufwerfen als eine Antwort geben. Wie ein Erinnerungsfetzen, der auftaucht und sich wieder in der Zeit verliert.

Die Jury sagt: Sabine Rixens Hauptthema in der malerischen Umsetzung ist die Bewegung , insbesondere die von tanzenden Personen. Das Konzept der Liveskizze führt dabei zu Formen im Bewegungsverlauf, die nicht den klassischen Posen oder Stellungen von Aktzeichnungen entsprechen. Die Jury würdigt die verschiedenen Ansätze im Ringen darum, flüchtige Emotionen auch in farblichen Spuren festzuhalten: Bilder, die nicht stillstehen.

Marc Kirschvink und Christian Klinkenberg

2015 entstand mit dem Maler Marc Kirschvink und dem Komponisten und Musiker Christian Klinkenberg das gemeinschaftliche Projekt „PARTITUR“. Dorthin geführt hat eine Begegnung im Jahr 2014, als Marc Kirschvink für den Künstler Ostbelgiens nominiert war und sein einstiger Nachbar Christian Klinkenberg der Jazzband angehörte, die bei der Preisverleihung spielte. Begeistert von der Idee des Komponisten Klinkenberg, Kirschvinks Bildkompositionen musikalisch umzusetzen, wird das Bild zur Partitur. Die beiden Künstler dieser unterschiedlichen Kunstformen tasteten sich an eine gemeinsame Sprache heran: durch Experiment und Reflexion schafft es Kirschvink, seine bildnerische Unbeschwertheit beizubehalten. Kirschvinks Bilder übernehmen die Rolle der Notation für das von Klinkenberg geleitete Jazzquartett KADRASONIC – Bildkomposition ist zugleich Musikkomposition. Die kreative Visualisierung durch das Bild ermöglicht dem ausführenden Musiker eigenständige Interpretationen sowie ungewöhnliche Klangerfindungen. Spontaner und vielleicht auch natürlicher als die Arbeit mit traditionellen Notationen. Für Kirschvink ist es ein neues außergewöhnliches Erlebnis, musikalische Kommunikation als Reaktion auf sein Werk zu erleben und dies unterstützt sein persönliches Bestreben emotionale Wirkung hervorzurufen.

Die Zusammenarbeit zwischen Christian Klinkenberg und Marc Kirschvink findet seinen bisherigen Höhepunkt in einer Oper: Neue Bild- und Klangkonstrukte entstehen durch die Ausarbeitung der bildnerisch umgesetzten Notation für die Sänger und Musiker der von Klinkenberg komponierten mikrotonalen Oper „DAS KREUZ DER VERLOBTEN“. Dadurch klingt keine Aufführung wie die vorherige.

Die Jury sagt: Das kombinatorische Konzept einer gegenseitigen Beeinflussung von Malerei und Musik erzeugt eine innovative Wechselwirkung zwischen den Künsten. Die Art der Umsetzung der Musiker um Christian Klinkenberg findet eine hohe Entsprechung in den bildhaften Partituren des Malers Marc Kirschvink. Man darf gespannt sein, wie sich dieses Konzept in den nächsten Jahren weiter entwickeln wird.

Justina Jablonska

Die 1979 in Polen geborene Justina Jablonska und jetzt als freischaffende Künstlerin in Raeren lebend, blickt in das Innere der Dinge. Begegnungen mit Menschen und Orten beeinflussen uns in zweierlei Hinsicht: als Erfahrung sowie Inspiration. Ostbelgien beeinflusst die Künstlerin in diesem Sinne nachträglich: Das Spontane, die Individualität und das Eigensinnige der Menschen, die hier leben. Diese Wahrnehmungen versucht die Künstlerin als Experiment ins Bild zu übertragen. Justina Jablonska lotet Spielräume in der Kunst aus, verschiebt Grenzen und schafft in gewisser Weise neue Dimensionen, die aus der Freiheit des Experimentierens hervorgehen. Aus Bewegung, Auflösung und Chaos lassen sich neue Bildräume erschaffen, die das Zufällige hervorbringen. Durch das Experimentieren mit Regen, Lack oder Öl und die Einflüsse der Umwelt verändern sie sich und folgen eigenen Gesetzen. Für Jablonska bedeutet in der Deutschsprachigen Gemeinschaft beheimatet zu sein, die Freiheit grenzüberschreitend zu leben. Diese Freiheit steckt in ihren Arbeiten und diese weiterzugeben ist ihr Anliegen.

Die Jury sagt: In der Malerei von kalligraphischer Klarheit experimentiert die Künstlerin Justina Jablonska mit vielfältigen Materialien und deren Wechselwirkung . Obwohl der experimentelle Umgang mit den unterschiedlichen Materialien zu zufälligen Verläufen führt, ist immer eine deutlich geprägte Eigenstruktur erkennbar. Das Spannungsverhältnis von sanfter Sachlichkeit und sachlicher Sanftheit lässt Bildelemente hervortreten, die eine eigene Erlebnisqualität mit sich bringen.

Daniel Offermann

Seit 15 Jahren ist der Multiinstrumentalist und ausgebildete Kommunikationswissenschaftler Daniel Offermann in der belgischen und europäischen Musikszene aktiv. Sein Material ist der Klang. Die einzigartige Kraft mit der Musik Empfindungen auslösen und verändern kann, fasziniert ihn bei seiner Arbeit als Musiker. Seine musikalische Karriere begann als Gründungsmitglied der international erfolgreichen Popband Girls in Hawaii.  Als Interpret, Komponist, Arrangeur oder Produzent arbeitet Offermann außerdem mit Künstlern und anderen wichtigen Akteuren der belgischen Musikszene zusammen. Seit 2011 schreibt und interpretiert Daniel Offermann Musik fürs Theater sowie für Filmproduktionen der RTBF, VRT und Arte.

Sein Interesse für die feinen Unterschiede und regionalen Prägungen der globalisierten Popmusik hat der Umstand geweckt, in Eupen zu leben, in der Welt zu arbeiten. Seine Arbeit nimmt Bezug auf die spezifischen Eigenheiten über mehrsprachige Texte, aber auch über die Klangästhetik unserer Region und der angrenzenden Kulturräume, mit dem Ziel, etwas eigenes zu entwickeln. Dabei legt der Musiker besonderen Wert darauf, ein Zusammenspiel unterschiedlicher Kunstformen, wie Theater , Video, Design, zeitgenössische Kunst und neue Technologien zu schaffen und Akteure aus Ostbelgien mit auswärtigen Kunstschaffenden zusammen zu bringen.

Die Jury sagt: Daniel Offermann vertritt eine junge, medienaffine Bewegung, die in ihren Genres die bisherige Unterscheidung zwischen E- und U-Musik hinter sich lässt. Die symbiotische Beziehung zwischen den filmischen Sequenzen und der Musik werden von dem Komponisten punktgenau umgesetzt. Schon jetzt zeigt er darin eine große thematische und stilistische Breite.

Paul Pankert

Der 1965 in Eupen geborene Paul Pankert ist Musiker im Bereich der zeitgenössischen Musik mit unterschiedlichen Tätigkeitsfeldern -Komponist, Violinist, Pädagoge und Ensembleleiter. Seinen ersten Geigenunterricht erhielt Paul Pankert im Alter von 7 Jahren an der Musikakademie der Deutschsprachigen Gemeinschaft, an der er bis heute unterrichtet. Durch seine Tätigkeit in verschiedenen Kammermusikensembles und besonders als Solist des Maastrichter „Ensembles 88“ beschäftigt er sich seit vielen Jahren intensiv mit der Musik seiner Zeit. Sein experimenteller Umgang mit neuen tonalen Systemen führte zu seiner ersten Komposition Spaltung, die den Kompositionswettbewerb 2008 der L’Académie royale des Sciences, des Lettres et des Beaux-Arts de Belgique gewann. Seit 2014 ist Paul Pankert künstlerischer Leiter des Ensembles. Sein Ziel ist es, in Zusammenarbeit mit Partnern aus Belgien und Deutschland die euregionale Komponente des Ensembles zu stärken, um so eine Plattform für einen regen Austausch auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik zu schaffen. Paul Pankert versucht neue Tendenzen in der klassischen Musik dem ostbelgischen und euregionalen Publikum näher zu bringen. Dabei spielt die Einbindung hiesiger Komponisten und Musiker stets eine wichtige Rolle.

Die Jury sagt: Paul Pankert gehört zu den avanciertesten Vertretern der zeitgenössischen Musik. Er nutzt die elektronischen Möglichkeiten um als Solist zur Mehrstimmigkeit zu gelangen. Zur Melodiebildung nutzt er eine gut durchdachte Motivtechnik, die durch die elektronische Technik mit Rhythmus und Geräuschen umhüllt wird, ohne zum Klangbrei zu werden. Der Zuhörer bleibt aufmerksam und neugierig und wird belohnt mit erkennbaren Sequenzen, die in ihrer Anordnung gut strukturiert sind.